Wallenstein in Memmingen
Eine Zeitreise in die Vergangenheit.
staunen. mitfühlen. eintauchen.
Bild: Wallenstein in Memmingen
 

Wallenstein in Memmingen

Wallenstein in Memmingen – in diesen Worten schwingt deutsche, ja europäische Geschichte mit und wir müssen uns hüten, diese Ereignisse nur in Beziehung auf die städtische Geschichte zu sehen. Diese Zeit ist ein entscheidender Augenblick in der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Aufbereitet durch vielerlei Literatur, spektakuläre Verfilmungen und immer wieder neue Mutmaßungen über die rätselhafte Person des kaiserlichen Feldherrn beschäftigen sich die Memminger wirklich legitim mit Wallenstein, der immerhin vom 30. Mai bis 22. Oktober 1630 in Memmingen residiert, ja regiert hat.

 
 

Memmingen als Knotenpunkt politischer Fäden

Wie kommt es dazu, dass Memmingen, die kleine und zutiefst binnenländische Reichsstadt Schauplatz dieses großen Ereignisses wird? Wir müssen uns dazu die Gesamtlänge des 30jährigen Krieges vor Wallensteins Memminger Zeit vor Augen führen. Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein eigentlich Waldstein und böhmischer Adliger, tritt seit 1625 in zunehmendem Maße als der Mann hervor, der für Kaiser Ferdinand II. die Hauptlast des Krieges zu tragen hat, eines Krieges, der zumindest in seiner ersten Hälfte noch um des Glaubens willen abgehandelt wird, zumindest auch so lange, wie Wallenstein auf katholischer Seite und Gustav Adolf auf evangelischer Seite das Regiment führten. Er profiliert sich als einer der ersten Feldherren modernen Stiles, vor allem in den Grundsätzen der Führung seines von ihm selbst zusammengestellten und besoldeten Heeres, erhält schnell durch seine Erfolge den Oberbefehl über alle kaiserlichen Truppen und auch den Herzogstitel von Friedland, woher dann auch die so berühmte Bezeichnung „der Friedländer“ stammt.

Acht Jahre nach Beginn des Kampfes um die Konfessionsherrschaft 1618 ist die Seite der katholischen Liga siegreich im Kampf gegen die protestantische Union, bekriegen der bayerische General Tilly und Wallenstein in Norddeutschland die Protestanten, und Wallenstein stößt durch Mecklenburg bis an die Ostsee. Er wird 1628 vom Kaiser für seine Dienste mit dem Herzogtum Mecklenburg belohnt und wird Generalissmus und Admiral der baltischen und ozeanischen Meere.

Allmählich finden die katholischen Fürsten Gründe genug, der wachsenden Machtfülle Wallensteins zu misstrauen. Sie kommen nicht hinter die Gründe seines Erfolges, die das Geheimnis des rücksichtslosen Emporkömmlings sind, der nichts von den vorsichtigen Ängsten der alten Geschlechter an sich hat. Wallenstein hat im Grunde nichts zu verlieren, er kann nur gewinnen.
Nach der vergeblichen Belagerung von Stralsund bewirkt Wallenstein den Frieden von Lübeck (1628), der besagt, dass Dänemark alle seine besetzten Gebiete zurückerhält, sich dafür aber jeder Teilnahme am deutschen Religionskrieg enthält. Die spätere Anwesenheit des Dänenprinzen Ulrich in Memmingen ist auf diese Friedensstiftung zurückzuführen – der Politiker Wallenstein wird hinter dem Feldherr sichtbar. In dieser Lage erlässt am 6. März 1629 Kaiser Ferdinand II. das sogenannte Restitutionsedikt, was der Höhepunkt der kaiserlichen Machtfülle im 30jährigen Krieg werden sollte und eine deutliche Gewichtsverschiebung zugunsten des Katholizismus in Deutschland zumindest für diese Phase bringt. Der Kernpunkt des Ediktes ist die Rückgabe aller Güter, die von den Protestanten seit dem Passauer Vertrag 1552 eingezogen worden sind. Nicht zuletzt die Erfolge Wallensteins haben den Kaiser zu einer derartigen Machtprobe ermutigt; der böhmische Feldherr ist hier auf der ersten Höhe seiner Macht.

Doch schon sägen stärkere Gegner an dem Ast, auf dem sich Wallenstein niedergelassen hat. Sein Hauptgegner ist der bayerische Kurfürst Maximilian, der in der ansteigenden Macht des Friedländers weniger eine Schmälerung der kaiserlichen als der fürstlichen Macht, insbesondere aber der seinigen befürchtet und der nun über diplomatischen Kanäle alles versucht, Wallenstein zu bremsen.

So stellt sich die politische und militärische Gesamtlage dar, als Wallenstein von der Kur zu Karlsbad im Mai 1630 über Nürnberg und Ulm nach Memmingen geht. Warum gerade Memmingen, doch wohl recht entfernt vom großen Geschehen? Was zu dieser Zeit im Verlauf des allgemeinen großen Krieges von habsburgerischer Seite noch als Nebenkriegsschauplatz angesehen wurde, nämlich der Norden Deutschlands, sollte sich erst mit der Landung des Schwedenkönigs Gustav Adolf auf Udedom am 6. Juli, also erst während des Memminger Aufenthalts Wallensteins, als Hauptkriegsschauplatz erweisen. Im Anfang des Jahres 1630 lagen die Schwerpunkte der habsburgischen Interessen noch in Norditalien und am Oberrhein und beiden Schwerpunkten lag die stark befestigte Reichsstadt Memmingen nach und für strategische Gesichtspunkte günstig. Zudem sollte sich im Juni des Jahres der Kurfürstentag mit dem Kaiser in Regensburg versammeln, auch dazu lag die süddeutsche Reichsstadt günstig, nur vier Tagesreisen entfernt – ein Indiz mehr für Maximilian von Bayern und seine anderen Gegner, die ihm einen Zugriff auf die erlauchte Versammlung und somit den Staatsstreich zutrauten. Alles dies also legte Wallenstein eine Residentur in Memmingen nahe, täuschte er doch dadurch seine Gegner, die ihn am liebsten an der Ostseeküste gesehen hätten, sein Herzogtum gegen den Feind verteidigend, möglichst weit weg von Regensburg und der Möglichkeit, dort zu stören.

Aber Wallenstein setzt sich in die geopolitische Mitte und wartet in Memmingen ab. Neben dem Abwarten macht er in Memmingen freilich auch Politik, obwohl oder gerade weil er ahnt, dass gegen ihn gearbeitet wird, dass der bayerische Maximilian gegen ihn schürt. Er empfängt eine französische Delegation mit dem Berater des Kardinals Richelieu, mit Pater Joseph, der dann von Memmingen aus weiter nach Regensburg eilt; er beherbergt einen Sohn des Königs von Dänemark, Ulrich mit Namen, der 50 Tage lang die herzogliche Gastfreundschaft genießt mit allen lebendigen Vorrechten der prinzlichen Jugend – der Chronist schildert uns die Reihe der großen Feste, die Memmingen damals sah!

 
 

Wallensteins Abschied - nicht nur von Memmingen

Gegen Ende seines Aufenthaltes in Memmingen sind zu Regensburg die Würfel zuungunsten Wallensteins gefallen; er empfängt im Fuggerbau, seinen herrschaftlichen Quartier, die beiden Besucher, auf die er wohl insgeheim schon lange gewartet hat, die beiden Hofkriegsräte Questenberg und Werdenberg. Er empfängt sie nicht bänglich oder aufgebracht, sondern in der Überzeugung, dass der Kaiser ihn bald wieder benötige. Kurfürst Maximilian hatte auf dem Kurfürstentag durchgesetzt, dass die Versammlung den Kommandowechsel, damit die Absetzung Wallensteins, gut verpackt in andere Probleme, beriet und letztendlich auch beschloss. Er war ihnen zu unheimlich, zu unfasslich in seinen Plänen und Gedanken. So wurde Wallenstein auf Befehl des Kaisers abgesetzt, bzw. seines Kommandos enthoben.

Der Memminger Aufenthalt war von politscher und militärischer Seite somit hinfällig, zudem hatte er hier vom Zusammenbruch seiner Finanzierungsgesellschaft unter de Witte erfahren. So nahm er im Oktober 1630 Abschied von dem schwäbischen Städtchen und zog in seine böhmischen Stammlande, wo er warten musste, warten konnte, bis der Kaiser ihn erneut als kaiserlicher Oberfeldherr zum zweiten Generalalt berufen würde.

Der kurze Rest von Wallensteins Leben ist bekannt: 1634 wird er in Eger ermordet.